Entstehungszeit: 1919-1920
Uraufführung: 12. Dezember 1920 im Salle Gaveau in Paris mit dem
Orchestre Lamoureux unter der Leitung von Camille
Chevillard
Dauer: 13 Minuten
Bei den Berliner Philharmonikern:
erstmals am 16. Mai 1922, Dirigent: Georg Schnéevoigt
Eine Art »Hommage an den großen Strauss – nicht Richard, den anderen, Johann. Sie kennen meine tiefe Sympathie für diese wunderbaren Rhythmen!« – wollte Maurice Ravel mit La Valse komponieren. Musik, mit der er folgende szenische Vorstellung verband: »Durch wirbelnde Wolken hindurch sind hier und da Walzer tanzende Paare erkennbar. Die Wolken zerstreuen sich nach und nach und geben den Blick auf einen gewaltigen Saal frei, in dem sich eine Menschenmenge dreht. Allmählich wird die Bühne heller, bis im Fortissimo der volle Glanz der Kronleuchter erstrahlt. Ein Kaiserhof um 1855.« Den Auftrag zu dem Werk erhielt Ravel von Serge Diaghilew, der mit seinen Ballets russes eine neue Ära des Tanztheaters eingeleitet hatte. Der legendäre Impresario bat um die Musik zu einem neuen Tanzstück, das Wien und seine Modetänze zum Thema haben sollte, woraufhin Ravel sofort zusagte. Schließlich war er, wie er seinem Schüler und Freund Alexis Roland-Manuel anvertraute, geradezu »verrückt auf Walzer«.
Formal orientierte sich Ravel in seinem »Poème chorégraphique« an dem gängigen Schema »Einleitung – Walzerfolge – Schlussabschnitt«, was auf den ersten Blick dem zyklischen Walzermodell entspricht, das sich in Wien um die Mitte des 19. Jahrhunderts etabliert hatte. Allerdings erscheint die traditionelle Form nur noch als Hülle, denn bereits die Einleitung ist weit davon entfernt, die Funktion einer »Aufforderung zum Tanz« zu erfüllen: Aus einem leisen, kaum wahrnehmbaren Tremolo der tiefen Streicher entsteht zunächst ein herzschlagartiges Pulsieren, bevor einzelne Melodiefetzen motivisch verdichtet werden und sich das charakteristische Dreiviertel-Metrum etabliert. Dass Walzer und Ballsaison nicht nur Ausdruck von Lebensfreude sein können, sondern auch ein Mittel, um die langen, dunklen Wiener Winter zu überstehen, ist unüberhörbar. Am Ende wird die Musik zur apokalyptischen Vision, eingeleitet von einem »Aufschrei«, wie Manuel Rosenthal sagte. Den Schluss, in dem sich die beinahe ins Unerträgliche gesteigerte Spannung entlädt, empfand der ehemalige Kompositionsschüler und enge Freund Ravels als »qualvolle, sehr dramatische Todesahnung«.
Als Ravel zusammen mit der Pianistin Marcelle Meyer im Frühjahr 1920 Diaghilew das im Taumel ausklingende Werk präsentierte, war dieser wenig begeistert: Nachdem Ravel geendet habe, berichtet der auch anwesende Francis Poulenc, soll ihm Diaghilew gesagt haben: »Ravel, das ist ein Meisterwerk, aber kein Ballett. Es ist das Porträt …, das Gemälde eines Balletts!« Strawinsky hingegen habe laut Poulenc zu seinem größten Erstaunen kein Wort verloren. Ravel nahm sein Manuskript – »als ob nichts passiert wäre« – und ging, tief gekränkt. Allerdings scheint die Zeit Diaghilew Recht gegeben zu haben: Erst mehr als sechs Jahre später, am 2. Oktober 1926, kam La Valse als szenische Ballettversion an der Flämischen Oper in Antwerpen zur Uraufführung. Auch später konnte sich das Stück als Bühnenwerk nicht durchsetzen. Im Konzertsaal allerdings sorgte der narkotisierende Abgesang auf den Wiener Walzer seit seiner gefeierten Premiere am 12. Dezember 1920 im Pariser Théâtre du Châtelet von Anfang an für Furore.